Erst Burg, später SS-Quartier, am Ende fast marode: Wie das Schloss Weisendorf in den Besitz des Schwesterordens kam


 

Über die Jahrhunderte hinweg hatte das Schloss – zunächst eine Burg – eine wechselvolle Geschichte und viele Besitzer erlebt. Dies galt auch für Dorf und Untertanen, die stets vom Herren des Ritterguts Weisendorf abhängig waren. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann dann für Schloss, Einheimische und Flüchtlinge eine neue Epoche. Der kleine Ort veränderte sich und begann zu wachsen.

Gleich nach dem Dreißigjährigen Krieg machte man sich an den Wiederaufbau des Schlosses. 1689 erhielt es die heutige Gestalt mit vier Ecktürmen und Innenhof, ganz nach dem Vorbild von Schloss Seehof bei Bamberg. 1784 kam der gesamte Besitz an den Grafen Rumerskirch. Er ließ den Schlossgraben mit 400 Fuhren Sand – so sagt es die Chronik – auf das heutige Niveau aufschütten. Damit war der Charakter als Wasserschloss verloren. 1813 erwarb der K. u.K. österreichische großherzoglich toskanische Kämmerer Franz Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg das Rittergut Weisendorf. Bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus blieb das Schloss in Besitz dieses Geschlechts. Allerdings nutzte man es bis 1945 nur noch als Sommerresidenz.

Im Jahr 1957 schenkte Freiherr Karl Theodor von und zu Guttenberg das Schloss mit Nebengebäuden dann dem französischen Säkularorden „Notre Dame die Vie“. Es war ein besonderes, harte Arbeit verursachendes Geschenk, denn das Schloss war sehr marode. Dazu notierte Heimatforscher Walter Siegismund „Dem Institut Notre Dame de Vie“ ist es zu verdanken, dass das Weisendorfer Schloss nicht seinem Verfall preisgegeben wurde“.

Denn bis zur Schenkung war es von verschiedensten Gruppierungen intensiv genutzt worden. Während des Krieges schon waren polnische, französische und russische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in Schloss und dazugehöriger Landwirtschaft verpflichtet worden. Gewohnt haben sollen sie im angeschlossenen Ökonomie-Gebäude, dem heutigen Edith-Stein-Haus. Im Schloss hatte sich gegen Ende des Krieges vorübergehend eine SS-Einheit einquartiert. Ihr folgten amerikanische Soldaten. Die hätten, so erzählt die Weisendorferin Monika Butzbacher, kostbare Rokokomöbel und den Fußboden verheizt, Tapeten von den Wänden gerissen.

Kurzzeitig residierte dort auch eine Finanzschule aus Würzburg, erinnert sich Gretl Mack, die in der Nachbarschaft wohnte. Die jungen Mädels hatten damals gern „braven“ Kontakt – wie sie extra betont – zu den jungen Männern, konnte man mit ihnen doch Tanzen gehen. Vor den ungewohnt dunkelhäutigen US-Soldaten dagegen hatte man Angst. Angeblich nicht zu Unrecht, was junge Frauen betraf. Auch Heimatforscher Walter Siegismund berichtet von wahren Greuelgeschichten, die über die „Schwarzen“ mit den langen Messern in Umlauf waren.

1946 folgten den Besatzungstruppen dann zahlreiche ausgewiesene Sudetendeutsche ins Schloss. Es wurde zum Flüchtlingslager, denn der Ort und die Ortsteile waren bereits „überbelegt“. Eilends wurden Massenquartiere geschaffen, Doppelstockbetten aus Holz gezimmert und eine Gemeinschaftsküche eingerichtet, denn allein in jenem Jahr musste das kleine Weisendorf über 300 Aussiedler aufnehmen. Aber nicht nur im Schloss, auch in den Tanzsälen der Gastwirtschaften wurden Vertriebene zumindest vorübergehend untergebracht oder bei Privatleuten zwangseinquartiert.

Das zog erhebliche Einschränkungen für die Einheimischen nach sich. Aus dem Jahr 1948 gibt es dazu deutliche Daten: 1184 Personen zählte die Gesamtbevölkerung, 400 davon waren Flüchtlinge. 1949 aber waren die Flüchtlinge zumindest aus dem Schloss wieder ausgezogen. Es wurde nun zum Altersheim für Flüchtlinge umorganisiert, geleitet von den Auerbacher Schulschwestern, einem katholischen Orden mit Sitz in der Oberpfalz. Neu ausgestattet mit Küche, Krankenzimmern und Zimmern belegten es diejenigen alten Menschen, deren Familien nach der Flucht ausgewandert waren. Vorzugsweise nach Argentinien und Kanada, versichert Josef Wirtz glaubhaft. Er weiß es von seiner Tante, die im Schloss arbeitete und aus eigener Erfahrung. Die alten Leute schenkten ihm, dem damals sechs- oder siebenjährigen Flüchtlingskind aus dem südlichen Ungarn die jeweiligen Briefmarken ihrer Überseepost.

Um 1956 bis 1958 hat sich dann nach Wirtz‘ Erinnerung der Betrieb im Altenheim nach und nach aufgelöst. Sicher auch deshalb, weil ab 1957 das Schloss mit Nebengebäuden in das Eigentum von „Notre Dame de Vie“ übergegangen war. Dies bedeutete viel Eigenarbeit für die Ordensfrauen. Mit Glasscherben schabten sie zunächst mühsam, aber sorgfältig die Lackschichten an Fenstern, Türen und Holzvertäfelungen  ab. Dies berichtete Walter Siegismund in der Weisendorfer Chronik, genauso die Ordensfrau schon vor Jahrzehnten bei der Schlossführung. Schwieriger war jedoch, die alten Parkettböden wieder in ordentlichen und begehbaren Zustand zu bringen. Zudem drohte nach der Überlieferung das Dach einzustürzen, da die Eisenverankerungen der Türme durchgerostet waren. Profihandwerker waren gefragt, dazu viele Jahre Arbeit in Eigenregie.

Heute ist das Schloss wieder ein Schmuckstück, das Gebäude der Ex- Ökonomie international nachgefragte Tagungsstätte.

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